Freitag, 19. Februar 2010

Demokratie (o)der Selbstorganisation

Lieber Willy,

vielen Dank für Deine letzte zukunftspost, und wie immer, bitte um Vergebung für meine späte Antwort. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Du meinen neuen Aufschlag so gut angenommen hast und Dich gleich mitten in die Diskussion über die gesellschaftlichen Auswirkungen unserer bisher besprochenen naturwissenschaftlichen Ansichten gemacht hast. Wie es Deine Art ist, hast Du gleich eine „konzentrierte Ladung“ neuer Ideen und Ansätze geliefert, die ich, wie es meine Art ist, langsam „auseinander dröseln“ möchte!
Zuerst einmal wende ich mich der politischen Dimension des Wandels zu, und hier kommen wir gleich zu einer ganz ketzerischen Frage: Passen Demokratie und Selbstorganisation zusammen? Müssen wir nicht eigentlich eine Art „Öko-Absolutismus“ einführen, so nach dem Motto: „Die Macht geht von der Natur aus und sie wird an aufgeklärte Ökodiktatoren gegeben, die das Wohl der Menschheit und ihrer Umwelt weise verwalten“?
In meiner letzten zukunftspost habe ich die Auffassung vertreten, dass wir aus der Beobachtung dessen was ist zwar nicht auf die Zukunft schließen können, aber wohl einen Leitfaden entwickeln können, wie man Zukunft „macht“. Gerade im Bereich unseres politischen Systems (und hier beziehe ich mich auf Österreich im Besonderen und Europa im Allgemeinen) kann man das sehr schön vorexerzieren. Dabei braucht man aber einen ziemlich guten Magen, denn das „Hinsehen auf Politik“ kann (zumindest hier in Österreich) denselben verrenken und durchaus die eigene Gesundheit gefährden.
Das Bild ist schnell gezeichnet: Wir bewegen uns rasend schnell von einer „diskursgetriebenen Demokratie“ zu einer „angstgetriebenen Demokratur“. Gerade hat mein Sohn Benedikt ein sehr interessantes Buch über die politische Kommunikation der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ, für alle Nicht-Österreicher: die populistische Rechtsaußenpartei bei uns) geschrieben. Aus diesem Buch habe ich sehr viel gelernt, vor allem aber, dass Parteien nur dann erfolgreich sind, wenn sie auf der Gefühlsklaviatur spielen und insbesondere die „Angstakkorde“ meisterhaft beherrschen. Parteiführer sind erfolgreich, wenn sie glaubhaft in den Lebenswelten der Wähler verankert sind, wenn sie Discos besuchen, fesch und attraktiv „rüberkommen“ und dem Wählervolk glaubhaft vermitteln können, dass sie nicht intelligenter sondern nur lauter als der Normalbürger sind. Das „Gegen etwas sein“, das „Alles Kontrollieren“ ist Programm. Lösungen werden keine erwartet, jede politische Handlung ist eine „Reform“, jede Reform tut weh, hilft „denen“ (also immer den anderen) und verschlechtert nur die Lebensqualität. Politisch zählt nur, „die anderen“ (Parteien, soziale Schichten oder gar „Ausländer“) zu bestrafen und aus dem Weg zu räumen. Kompromisse sind immer Niederlagen, die Wahrheit ein hinderliches Konzept und die Kommunikation mit dem Volk immer nur ein Monolog oder bestenfalls eine die laute Discomusik überbrüllendes Anbiedern an Potentielle Wähler. Das Ziel politischer Handlung ist die Verteidigung oder Erringung von „Macht“, die dann aber schlussendlich nichts macht.
Dieses Sittenbild der Politik ist natürlich sehr einfach zu erstellen, es verstellt aber den Blick auf die wirklich grundlegenden Defizite. Zuerst müssen wir uns fragen, was denn die Leitlinien der politisch Handelnden sind. Vor noch wenigen Jahren (vom 2. Weltkrieg bis vielleicht zu diesem magischen „68iger“ Jahr) hatten politische Parteien noch Ideologien: Aus dem Welt- und Menschenbild gespeiste, fest strukturierte Sichtweisen der wünschenswerten Zukunft und der dafür notwendigen gesellschaftlichen Strukturen, Handlungsweisen und Planungsgrundlagen. Wie Weltbilder im Allgemeinen waren diese Ideologien unverrückbar und nicht-hinterfragbar. Damit waren sie natürlich sehr praktisch im täglichen politischen Handeln, feste Leitlinien und Erklärungsmechanismen. Obwohl natürlich keine „Überzeugung“ des ideologisch anders gelagerten politischen Gegners erzielt werden konnte (Weltbilder kann man ja nicht „wegdiskutieren“!), so bildeten Ideologien aber zumindest eine solide Basis für Kompromisse. Zumindest so lange als die Lösungen nicht einer der Ideologien der beteiligten Parteien komplett widersprach.
In dieser Zeit waren die politischen Systeme entweder von einer Ideologie dominiert (etwa dem „Realen Sozialismus“) oder bipolar, so dass sich fast immer ein Kompromiss, der beiden dominanten Ideologien nicht vollständig entgegenlief, finden ließ. Darüber hinaus waren die dominanten Ideologien (die sozialistisch/kommunistische und die bürgerlich/kapitalistische) Kinder desselben „Ur-Weltbildes“, des mechanistischen Weltbildes des 19. und 20. Jahrhunderts. Das ist insofern interessant, als die Grundzüge des Begriffs „Fortschritt“ (also die Basis dessen, was wünschenswerte Zukunft bedeutet) in beiden Ideologien weitgehend auswechselbar waren (nicht jedoch die Antwort auf die Frage, wie die Früchte dieses Fortschritts verteilt werden sollten).
Die Grundelemente politischer Systeme waren einerseits streng hierarchische Verwaltungen, weitgehende stratifizierte Gesellschaften (kannst Du Dich noch an diese eindeutige Zuordnung Arbeiter = Sozialist, Bauer = Konservativer erinnern? Lang, lang ist’s her…) und die Stabilisierung der Gesellschaft durch unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum. Für die (geschichtlich kurze) Zeit eines Vierteljahrhunderts hat uns das mechanistische Weltbild und seine ideologiegetriebene Politik in Europa Ruhe, Frieden und Wohlstand beschert, es hatte ja auch einiges gut zu machen!
Mit der Erkenntnis der Begrenzung der Welt bei gleichzeitiger Globalisierung des Handels, der Ideen und Informationen wurde dieses politische Modell zunehmend obsolet. Hier kann man trefflich streiten, warum das alles so gekommen ist. Meine Erklärung dafür ist einfach (und wir können sie ja vielleicht im nächsten Satz unseres Ping-Pong Spiels ein wenig näher unter die Lupe nehmen): Ein neues Weltbild dämmerte herauf, damit waren auch die Grundlagen der Ideologien unterhöhlt. Das habe ich aber schon ausführlich in meinem Buch dargestellt und möchte daher jetzt nicht näher darauf eingehen.
Wichtig ist vielmehr etwas anderes: Die Welt wurde zu kompliziert für eine bipolare, hierarchische Gesellschaftsordnung und für eine ideologiegetriebene Politik: Kompromisse zwischen zwei Auffassungen, noch dazu vor dem Hintergrund einer stetig wachsenden Wohlstandsbasis kann man relativ einfach erreichen. Schwierig wird es, wenn man mit den eigenen politischen Handlungen die Natur in ihrer ganzen Komplexität „miterwischt“ und wenn darüber hinaus auch Entscheidungen an ganz anderer Stelle unseres Planeten direkt auf uns Einfluss nehmen. Innerhalb kürzester Zeit zerbrach das monoideologische Regime des Realen Sozialismus und wir sind gerade Zeugen dessen, wie ihm sein feindlicher Weltbild-Bruder, das kapitalistische System vor lauter Gram allein auf der Ideologiebühne zurückgeblieben zu sein, über die Klippe der Geschichte nach springt.
Daher darf uns auch der derzeitige Zustand der Politik und ihrer handelnden Personen nicht wunder. Der festen Basis ihrer Ideologien beraubt und damit unfähig zum rationalen Diskurs über die wirklich entscheidenden Probleme gesellschaftlicher Entwicklung, tun sie nichts anderes als wir auch tun, wenn wir uns nicht mehr „auskennen“: Sie verlassen sich auf ihr „Gefühl“. Nun gibt es aber kein einigendes „Zukunftsgefühl“, ein Gefühl, dass den vakanten Stuhl der allgemeinen Fortschrittsdefinition einnehmen kann. Vielmehr gibt es Gefühle, die uns vor gewissen Richtungen der Entwicklung warnen: Die Ängste! Und damit gibt es derzeit einen Ersatz für Ideologien, den ich „Emologien“ nennen möchte: Einen Satz von Emotionen und vor allem Ängsten, der auf dem politischen Parkett zur Aushandlung verwendet wird. Ebenso wie Ideologien sind auch Emologien nicht hinterfragbar und sie werden zur politischen Identitätsstiftung eingesetzt. Der politische Diskurs wird also vordergründig um diese Emotionen geführt und hintergründig durch weitgehende Orientierungslosigkeit gelähmt. Unsere politischen Systeme sind wie das Kaninchen vor der Schlange: Gelähmt durch Angst, ohne wirklichen Plan zum Überleben und zu feige, die Entscheidung für die Zukunft zu übernehmen.
Erneut könnten wir hier in die Falle gehen und diesen Zustand, seine Auswirkungen und mögliche Auswege aus dieser „Krise des Politischen“ diskutieren. Wie gesagt, der Zustand ist zwar nicht schön, aber es ist nur ein Übergangsstadium (und dauert hoffentlich nicht zu lange). Wir sollten uns daher eher damit beschäftigen, was denn diese profunde Orientierungslosigkeit ausgelöst hat und wie wir „das Übel bei der Wurzel“ packen können.
Hier hilft uns Deine letzte zukunftspost: Eine wesentliche Wurzel liegt in der Notwendigkeit räumliche und zeitliche Systemgrenzen neu zu definieren. Regieren hat immer schon eine sehr stark räumliche Komponente gehabt. „Souveränität“ als ein wesentliches Zeichen für den Wirkungsbereich von Macht war im politischen Kontext immer an Raum, an Gebiet gebunden. Innerhalb des Gebietes, das man souverän beherrschte, konnten Entscheidungen durchgesetzt werden. Das souveräne Gebiet des Staates war „unverletzlich“, also keinen direktem Zugriff einer anderen Macht unterworfen. Aus dieser Auffassung von Machtausübung kommen unsere Staatsgrenzen, unsere Verwaltungsbezirke, unsere Gemeinden, ja jede politische Arena, auf der wir spielen! Raum und Politik sind untrennbare Zwillinge!
Die starren hierarchischen Gebietskulissen, die wir mit dieser Art des politischen „Raum-Macht-Kontinuum“ geschaffen haben, sind völlig ungeeignet die heute wesentlichen Probleme zu lösen. Damit werden aber auch gleichzeitig die politischen Instanzen in diesen „Alt-Herrschaften“, ob es nun Staaten, föderale Länder, politische Bezirke oder andere Verwaltungseinheiten sind, desavouiert. Hier hilft auch kein „Mehr an Demokratie“, keine direkte Demokratie und auch keine neuen Parteien: Der Raumzuschnitt ist einfach falsch, die Identifikation der Bürger mit diesen Einheiten ist weg und damit auch ihre Lösungskapazität.
Dieses Aufbrechen des politischen Raumes kommt aus zwei Quellen. Einerseits werden die alten Identifikationsgründe ausgehöhlt. Die Menschen werden mobiler, die historische Bindung an einen Ort wird schwächer, ebenso wie die sozialen Bande in einer sich radikal ändernden Gesellschaft. So sehr sich unsere Emologen auch winden und sträuben, die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder einer Religionsgruppe reicht heute als Identifikationsgrund mit einem Raum nicht mehr aus. Es gibt keinen Weg zurück zu einer agrarischen Gesellschaft mit strikter Raumbindung durch Geburt, Gesellschaft und Tradition!
Auf der anderen Seite haben die „Alt-Herrschaften“ oft wenig Relevanz für die heute wesentlichen Wechselbeziehungen zwischen Gesellschaft und Natur. Mit der Ausnahme von Inselstaaten sind die meisten derartigen Gebiete aus gesellschaftlichen Entwicklungen, aus politischem Kalkül oder aus verwaltungstechnischen Notwendigkeiten (denke etwa an die Regel, dass ein Gerichtsbezirk in Österreich an die Notwendigkeit, das Gericht in wenigen Stunden zu Fuß zu erreichen, gebunden war!) heraus geboren. Die Natur, ihre Ressourcen und ihre lebenserhaltenden Prozesse haben keine Rolle in der Grenzziehung gespielt. Für eine moderne Gesellschaft, die langsam aus dem fossilen Loch an das natürliche Sonnenlicht als Triebfeder der Wirtschaft kriecht, sind diese politischen Raumstrukturen einfach altmodisch und irrelevant.
Zusätzlich dazu kommt noch ein weiterer Effekt der Selbstorganisation: Die „Organismierung“. Auch wieder so ein Kunstwort von mir, aber ganz einfach zu verstehen. Selbstorganisation führt ja nicht nur dazu, dass sich Individuen in ökologischen Nischen optimal organisieren. Auf der Ebene der menschlichen Gesellschaft ist das etwa durch die (globale) Arbeitsteilung schon sehr weit fortgeschritten. Selbstorganisation führt insbesondere auch auf vollkommen neue Vergesellschaftungen, auf komplexe Organismen. Meine These ist nun, dass wir als Menschliche Gesellschaft gerade einen Prozess der „Organismuswerdung“, eben der „Organismierung“ durchmachen.
Sehen wir uns einen Organismus an. Natürlich gibt es da Arbeitsteilung: Die Organe im menschlichen Körper sind dafür ja hervorragende Beispiele. Wir haben aber auch eine Durchdringung der einzelnen Systeme in räumlicher Hinsicht. Denke etwa an ein Blutgefäß in der Leber: Räumlich gehört es zur Leber, es gehört aber gleichzeitig auch zum Gefäßsystem. Damit bricht in Organismen die strenge Ausschließlichkeit der (räumlichen) Zuordnung, es bricht die räumliche „Souveränität“. Unsere Ader in der Leber muss zwei Herren dienen, der Leber und den Blutgefäßen, sie muss auch zwischen diesen beiden Herren vermitteln, sie schließt die Leber an den „internationalen“ Körper an.
Dieses Bild ist sicher sehr vereinfachend und soll ja auch nicht mehr sein als eben ein Bild. Was aber wichtig ist dabei ist der Bruch in der Hierarchie des Raumes, der durch die Komplexität von Organismen, die durch Selbstorganisation entstanden sind, erfolgt. Wir sind eben nicht Bürger EINER Region, wir leben in vielen Regionen gleichzeitig. Diese Regionen sind auch nicht hierarchisch gegliedert, sie schließen sich nicht aus auf derselben Ebene. Sie überlappen sich, durchdringen sich. Was aber das wesentliche daran ist: Die Regionen, in denen wir leben und handeln, sind funktional definiert, so wie eben die Leber eine Funktion hat und auch das Blutgefäßsystem.
Und hier sind wir an einem ganz wesentlichen Defizit der bestehenden politischen Systeme: Ihr Raumzuschnitt beachtet diese verschiedenen Funktionen überhaupt nicht! Auf dieser Basis kann sich keine selbstorganisierende Gesellschaft entwickeln!
Für jede zukünftige Ordnung des politischen „Raum-Macht-Kontinuum“ muss daher gelten: „form follows function“, die räumlichen Zuschnitte, in denen Entscheidungen getroffen werden, müssen auf die Funktionen abgestimmt sein. Was eine gute Region für die Verwaltung erneuerbarer Ressourcen ist, muss noch lange keine gute Region zur Organisation der Bildung sein. Was eine gute Region zur Verwaltung des gesellschaftlichen Einflusses auf den lebenserhaltenden Wasserkreislauf ist hat nichts mit der optimalen Region zur Organisation des Rechtswesens zu tun. Damit wird Dein in der letzten zukunftspost beschworenes „selbstorganisiertes Europa“ und ein „Europa der Regionen“ fast synonym, wenn auch in der heutigen politischen Auffassung die Regionen noch hierarchisch und mittelalterlich pfründeorientiert gesehen wird.
Wenn wir weiter die Demokratie als die „politische Leitkultur der Selbstorganisation“ sehen (und davon bin ich überzeugt!) stellen sich natürlich gleich eine Reihe sehr interessanter demokratiepolitischer Fragen. Ich werde die heute nicht wirklich beantworten, Dir wohl aber einen „geschnittenen Ball“ auf den Tisch spielen, und ein wenig provozieren.
Zuerst einmal möchte ich unserer Diskussion einen Rahmen geben: Demokratische Systeme die nach dem Repräsentationsprinzip (also der Entsendung von politisch Handelnden durch ein Volk) basieren, können über drei Parameter beschrieben werden:
• Wer entsendet?
• Wie wird entsandt?
• Wie verhandeln die Repräsentanten miteinander?
Beginnen wir mit dem ersten Punkt. In einem auf funktional definierten Raumzuschnitten basierenden politischen System muss vom Prinzip der allgemeinen Vertretung abgegangen werden. Nicht mehr jeder darf über alles bestimmen. Es wäre ja auch im Organismus nicht besonders hilfreich, wenn die Leberzellen darüber abstimmen, dass das Blut ab jetzt blau zu sein hat!
Vielmehr muss Demokratie als ein „Angebot der Mitbestimmung an Betroffene“ gesehen werden. Das bedeutet, dass jene, die an einer bestimmten Funktionalität interessiert sind, mitbestimmen sollen. Hier kommt der große Bruch mit den derzeitigen Systemen: Das geht nur, wenn man zwei Prinzipien beachtet: Freiwilligkeit und Offenheit.
Freiwilligkeit bedeutet, dass (im Gegensatz zu heutigen Demokratiesystemen) das „Volk“ nicht verfassungsmäßig allein durch seinen Wohnort oder seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (etwa wie in Österreich im Falle der vielen sozialpartnerschaftlichen Kammern) definiert wird, sondern durch aktive Anteilnahme an der Mitbestimmung. In diesem Fall wird also nicht nur der Vorgang der Entscheidungsfindung der Selbstorganisation unterworfen, sondern auch gleich der Aufbau der Entscheidungsstrukturen!
Freiwilligkeit erfordert Identifikation. Nur wer sich mit etwas identifiziert, sich als „zugehörig“ erkennt, wird freiwillig an den Entscheidungen in einer Körperschaft beteiligen. Hier kommt der räumliche Zuschnitt zum Tragen. Der Raum ist für ein territoriales Wesen, wie es der Mensch nun einmal ist, eine der wichtigsten (wenn auch nicht die einzige) Identifikationsmarke. Daher auch das bereits oben beschriebene „Raum-Macht-Kontinuum“, das unsere Politik beherrscht. Das wird sich auch in einer selbstorganisierenden Gesellschaft nicht ändern. Wir sehen das heute bereits sehr stark bei Regionalentwicklungsprozessen: Die Identifikation ist der entscheidende Schritt zur Regionswerdung. Darüber sollten wir in einer der nächsten zukunftspost-Sendungen noch einmal im Detail diskutieren!
Freiwilligkeit muss aber durch das Prinzip der Offenheit abgestützt werden. Keine Person, die aktiv mitarbeiten will, darf ausgeschlossen werden. Damit soll verhindert werden, dass das Ganze zu einer Klüngelwirtschaft verkommt und nur jene, die etwas ganz Bestimmtes durchsetzen wollen die Macht übernehmen.
Im Ganzen ist das natürlich eine vollkommene Abkehr von der bisherigen Auffassung von Demokratie: Man hat zwar das verbriefte Recht, überall mitreden zu können, man erwirbt sein „aktives Wahlrecht“ aber eben durch Mitarbeit. Teilnahme am Entscheidungsprozess wird damit zu einer Bringschuld.
Das klingt zuerst einmal ziemlich revolutionär, ist es aber gar nicht. Schon heute basieren die meisten funktionierenden Regionen (also jene, in denen wirklich was weitergeht) auf diesem Prinzip. Ganz zu schweigen von jenen Bereichen, in denen Menschen tatsächlich Verantwortung übernehmen, etwa in all den vielen Vereinen, die das eigentliche Rückgrat unserer Gesellschaft (zumindest hier in Österreich) sind.
Nun kurz zum zweiten Punkt, wie denn die Repräsentanten bestimmt werden. Ich glaube, dass dieser Punkt nicht allgemein festgesetzt werden kann und soll. Der Wahlmodus muss, so wie auch die Festlegung der anderen Regeln der Entscheidungsfindung, den einzelnen Körperschaften überlassen werden. Funktionalität, aber auch kulturelle Aspekte haben hier wesentlichen Einfluss und werden zu einer Diversität in den Lösungsansätzen führen.
Wichtiger als die Frage des Auswahlmodus ist aber die Beachtung sind die Prinzipien des Vertrauens und der Verbindlichkeit. Wir sind ja gewohnt, im politischen Spiel immer über Verantwortung zu reden und dann lautstark die Verantwortungslosigkeit der politisch Handelnden zu beklagen. Wir vergessen dabei, dass dieses Prinzip grundsätzlich unerfüllbar bleiben muss. Keine gesellschaftliche Handlung kann von einer einzelnen Person „verantwortet“ werden, nicht der Tod eines Soldaten, der auf Grund eines politischen Entschlusses in den Krieg geschickt wurde, nicht die Krankheit vieler auf Grund der Umweltbelastung, die wir in unseren Gesetzen zulassen (oder auch nur nicht ahnden). Wer könnte dafür denn die Verantwortung übernehmen und was würde das für diese Person bedeuten? Also lassen wir den Verantwortungs-Zinnober getrost weg!
Eine selbstorganisierende Gesellschaft muss vielmehr auf dem Vertrauen und auf der daraus resultierenden Verbindlichkeit aufbauen. Vertrauen muss das soziale Kapital sein, das Repräsentanten für ihre Tätigkeit mitbringen. Dieses Vertrauen muss natürlich auch gepflegt werden, durch Transparenz und die Handlungsmaxime, MIT den Betroffenen (die ja das jeweilige „Volk“ ausmachen) und nicht ÜBER sie zu regieren.
Vertrauen muss aber nicht nur zwischen Repräsentanten und jenen, die sie entsenden herrschen. Es muss auch zwischen den Betroffenen selbst vorhanden sein. Nur dann kann Verbindlichkeit entstehen und nur dann kann gehandelt und entschieden werden.
Ich lasse diesen Gedanken einmal so als „Baustelle“ für unsere weitere Diskussion stehen. Nur soviel möchte ich noch dazu sagen: Es ist klar, dass wir eine solche selbstorganisierende Gesellschaft nicht verordnen können. Sie muss entstehen, sich eben selbst organisieren. Vertrauen und Verbindlichkeit sind Resultate eines Prozesses. Für beide gilt, dass örtliche Nähe ein wichtiger Katalysator ist. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass eine solche selbstorganisierende Gesellschaft „von unten“ aufgebaut werden muss.
Nun zum dritten und heikelsten Punkt: Wie sollen die Repräsentanten miteinander verhandeln? Hier müssen wir zuerst zwei unterschiedliche Diskurse definieren. Einerseits den Diskurs zwischen Regionen mit derselben Funktionalität (etwa zwei oder mehrere „Wasserregionen“ oder „Energieregionen“). Innerhalb ihrer Funktionalität werden Regionen wenig bis keine Überlappungen haben, hier wird auch nach wie vor eine hierarchische Ordnung vorherrschen. Dieser Diskurs wird daher nach dem Prinzip der Subsidiarität ablaufen, das wir ja bereits bisher in hierarchischen Politiksystemen haben (sollten!).
Viel interessanter ist aber die zweite Diskursform: Die zwischen unterschiedlich funktionalen Regionen über Entscheidungen im gleichen Raum. Also der Diskurs zwischen Ader und Leberzellen, wie es denn in ihrem gemeinsamen Umfeld weitergehen soll. Oder der Diskurs zwischen einer „Wasserregion“ und einer „Energieregion“ über die Zukunft eines bestimmten Feuchtgebietes.
Ich weiß hier keine Lösung im strengen politikwissenschaftlichen Sinn. Ich möchte aber auch hier ein bisschen provozieren: Ich glaube es gibt so etwas wie eine „invisible hand“ für selbstorganisierende Gesellschaften, nämlich raumgebundene Visionen. Diese Visionen werden in vielem die Rolle der Ideologien (oder eben der Emologien der derzeitigen Politik) übernehmen. Sie werden Richtschnur und Maßstab der Entwicklung sein.
Jene regionale Körperschaft, die die stärkste Vision generiert, wird auch die stärkste Identifikationskraft ausüben. Auch hier würde ich der Selbstorganisation ungern „dreinreden“; ich würde das von Fall zu Fall, von Region zu Region eben selbst entstehen lassen. Diese Körperschaft wird die Themenführerschaft in diesem Diskurs übernehmen.
Die Methodik des Diskurses wird sehr stark durch Szenarien geprägt werden. Jede Region, die an einem solchen Diskurs teilnimmt, wird Zukünfte (und die handlungen, diese zu erreichen) aus ihrem Blickwinkel einbringen. Der Vergleich an der „Leit-Vision“ schließlich wird zu einem umfassenden, gesamthaften Vorgehen „im Raum“ führen, der von allen getragen werden kann.

Lieber Willy, verzeih dass es diesmal ein wenig länger geworden ist. Ich habe natürlich, wie es meine Art ist, einen sehr breiten Pinsel verwendet für mein Bild. Viel ist noch auszufüllen, aber das wird ja Gegenstand unserer weiteren zukunftspost. Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Beitrag!

Dein

Michael

Dienstag, 5. Januar 2010

Das selbstorganisierte Europa – ein Modell?

Lieber Michael,
Vielen Dank für Deinen letzten Beitrag. Deine Überlegungen waren für mich motivierend und notwendig da diese für mich die Motivation für die nächsten Schritte darstellten. Sie haben den Pfad über die Zeitenwende hinweg wieder sehr klar erkennbar gemacht. Eine neue Phase der Selbstorganisation, ausgelöst durch alle zu erwartenden Änderungen und Begrenzungen, ist mir erst wieder durch Deine Überlegungen in ihrer ganzen Tragweite für Umwelt und Gesellschaft als Gebot der Stunde bewusst geworden.
Also „mutig in die neuen Zeiten“. Als ersten Schritt dahin sehe ich eine Wiederbesinnung auf die Notwendigkeit von relevanten räumlichen und zeitlichen Systemgrenzen, d.h. Demarkationslinien in unserem Bewusstsein zu etablieren. Diese könnten es ermöglichen das elementare Kreislaufgefüge der menschlichen Subsistenz (der täglichen Notwendigkeiten) wieder überschaubar, beurteilbar und lokal rückkoppelbar zu gestalten. Meines Erachtens ist für die notwendige lokale Steuerung unserer unmittelbaren und zukünftigen Belange vorrangig die Kenntnis dieser physischen Grenzen vonnöten. Globale Überlegungen scheinen erst dann Sinn zu machen wenn durch eine Neugestaltung der lokalen Strukturen bzw. die Schließung der lokalen Stoffkreisläufe und verlustarmen Kopplung derselben eine Voraussetzung für eine neue übergeordnete Ebene bilden. Die Klimakonferenz in Kopenhagen hat mich in dieser Hinsicht bestärkt, da sie gezeigt hat, dass der sich stark verändernde Klimaprozess kaum durch das Drehen an nur einer Schraube unter Zuhilfenahme einer Theorie auf tönernen Füßen beherrschen lässt.
Wir sind uns wahrscheinlich einig, dass uns nur ein gewaltiger evolutionärer Schritt der Selbstorganisation an das rettende Ufer einer neuen Zeit bringen kann. Wie könnte man sich jedoch auf einen solchen Schritt vorbereiten? Ich sehe den ersten aktiven Schritt dazu in der Entrümpelung nicht mehr zeitgemäßer Strukturen und der Bekämpfung moderner Existenzängste auf lokaler Ebene. Es scheint, dass eine vom Bruttosozialprodukt und einer Arbeit wie sie heute politisch verstanden wird, abhängige soziale Grundsicherung in Zukunft kaum möglich ist. Sie scheint nur in einer rigide verwalteten und durch immanente Ineffizienz die Ressourcen vergeudenden Wachstumsgesellschaft möglich.
Nach den Erkenntnissen von Leopold Kohr „Das Ende der Großen“ scheint die Effizienz von „Wachstumsgesellschaften“ nach Erreichen eines kurzen Optimums durch weiteres Wachstum wieder abzusinken. Die Natur regelt dieses Wachstum über eine Rückkopplung an eine damit verbundene Umwelterschöpfung, zunehmende Instabilität und Tod. Die Gesellschaften haben es bis zum gewaltigen Flächenbrand der Weltkriege mit einer immensen Zerstörung von Umweltressourcen als Folge, durch kleinräumigere Kriege und einer Reduktion der Populationen geregelt. Umwelt und Gesellschaft wurden durch Rückkopplungen in Balance gehalten und der Prozess wurde wie vielfach angenommen durch schicksalhafte Entwicklungen oder mehr oder weniger gut gesinnter Götter gesteuert. Der Wandel der Kriege von einer populationsregelnden Maßnahme zu einer vorrangig ressourcenzerstörenden Tätigkeit wurde im vorigen Jahrhundert vollzogen. Die darauf folgende globale Ökonomie mit ihrem Neokolonialismus sowie die wild wuchernde globale Logistik haben zwar der Welt eine relativ lange und friedliche Periode aber auch durch zunehmende Öffnung der natürlichen Kreisläufe an die Grenzen ökologischer Tragfähigkeit gebracht. Entwertete Umweltressourcen in Form von zunehmender Verwüstung und schier irreparable Klimaprobleme bzw. Kühlproblemen waren die Folgen. Gleichzeitig degradierte in unseren pluralistischen Wissensgesellschaften aber die Fähigkeit die weltweit verteilten Prozesse in ihrer Kohärenz zu erkennen, zu beurteilen geschweige denn mit Hilfe der Wissenschaften und Politik zu steuern. Der Scherbenhaufen von Kopenhagen scheint die Folge einer Politik zu sein, Schulen, geistige Bildung und Fähigkeiten nur dann zu fördern, wenn sie einigen mächtigen Verbänden in der Gesellschaft als Alimentationsgrundlage dienlich scheinen.
Hier müsste nun der selbstorganisatorische Evolutionsschritt erfolgen und im „Homo sapiens“ das „Eroberungsgen“ durch ein „Überlebensgen“ ersetzen. Zugegeben ein schwieriges Unterfangen aber vom Ansatz her durchwegs denkbar. Insbesondere könnte dies wahrscheinlich werden, wenn man sich Gedanken machte eine Deckung des Geldwertes durch die Anhebung des Bodenwertes gemessen an seiner Steigerung der Nachhaltigkeit und Fruchtbarkeit zu erzielen . Eine Steigerung des regionalen Bodenwertes ist jedoch nur durch die Entwicklung einer perfektionierten lokalen Kreislaufwirtschaft durch Maximierung der Verdunstung machbar.
Eine solche nachhaltigkeitssteigernde Bewirtschaftung ist naturgegebener Weise als vorrangige Aufgabe des Flächenbewirtschafters zu verstehen. Wie wir wissen sind es heute im alten Europa schon fast weniger als 3% der Bevölkerung, die 80-90% der Landesflächen bewirtschaften und dies nach planwirtschaftlichen Ansätzen.
Wie Du siehst, versuche ich Deinen Ball und Dein Bekenntnis zur Selbstorganisation nicht nur aufzunehmen sondern auch eine Argumentationskette des warum wir was ganz anders machen müssten aufbaue. Ist es nicht unsere Sehnsucht, nach Beständigkeit, nach Zukunftsperspektiven, nach Bodenhaftung, nach Heimkehr und Frieden, die uns antreiben wieder eine verortete Heimat zu finden. Die gemachten Erfahrungen nach zwei Weltkriegen und einem Wirtschaftswunder mit der Besonderheit das Geld rascher und rascher durch die Gesellschaft zu pumpen, Neid, Gier und Egomanie in zunehmendem Maß zu fördern um den Ansprüchen der Gesellschaft nach Wachstum gerecht zu werden. Sind wir schon reif geworden unser Streben nach Innovation und sozialer Geborgenheit nicht im Götzen Arbeit und Geld sondern in alternativen Ansätzen einer neuen Vergesellschaftung auf der Basis Dienst an einer menschlichen Gesellschaft zu suchen?
Wäre es nicht möglich wieder den Menschen in einer neuen Renaissance ins regionale Zentrum unserer Gesellschaft und unserer Umwelt zu stellen anstatt sich politisch in polarisierende Parteien zu gruppieren? Sich damit so zu vergesellschaften, dass bis zur Erreichung einer maximalen Kohärenz und Lebensqualität durch Dienstleistungen eine weitere Vergesellschaftung zum gegenseitigen Nutzen erfolgt während sich darüber hinaus weitere soziale Zellen bilden, die als neues Ziel eine weitere Kreislaufschließung und damit Effizienzsteigerung im dynamischen System ergeben. Wäre es nicht vorstellbar, dass der Mensch durch seine Erfahrung mit seiner Umwelt soweit auch seine Intelligenz entwickelt, dass er die zeitlichen Nutzbarkeitsgrenzen seiner Umwelt erweiterte anstatt sie laufend durch beliebiges Handeln entgegen der Entwicklungsrichtung und dem Sinn der Natur die Tragfähigkeit einzuschränken?
Wäre es nicht möglich eine weitgehende Regelung der Gesellschaft durch offene Gesetzesrahmen ohne Universalitätsanspruch aber durch zunehmende Rückkopplungen durch Selbstbegrenzung selbstorganisatorisch mit einem Minimum an Verwaltungsaufwand und so nahe wie möglich am Ort des Geschehens zu erzielen?
Als wichtiges Beispiel würde der Schwerverkehr an die Verursachung der Straßenschäden über die 4te Potenz der Achslasten rückgekoppelt, die Marktpreise soweit beeinflussen, dass ein überregionaler Markt von Subsistenzprodukten (täglich notwendiger Waren für den Bürger) kaum in seiner heutigen Form möglich wäre. Auch eine dezentrale Produktion von Energie und die strikte Anwendung von Marktpreisen ohne Monopole und Subventionierung der Energie für die Industrie würde die Allokation der Prozesse und der Gesellschaft nachhaltigkeitsfördernd verändern (Produktrecycling anstatt Stoffrecycling, Verlängerung der Lebenszyklen für Waren, Kopplung der Subsistenz mit den Siedlungen).
Solche Fragen müssten vom Einfluss der Lobbys befreit und ins Zentrum des gesellschaftlichen Bewusstseins gerückt werden, eine demokratisch gestaltete und gestaltende permanente Kulturrevolution könnte diese neue Renaissance begleiten und versuchen die gesellschaftlichen Gruppen in diesen Prozess einzubinden und auf den lokalen und regionalen Ebenen zu integrieren. Das einzige Kriterium zur Beurteilung des demokratischen Prozesses wäre der Wirkungsgrad bzw. die ökologische Effizienz als richtungssichere Maßzahl für eine nachhaltige Entwicklung.
Die industriebasierte Exportwirtschaft wie auch die arbeitsbasierte Geld- und Bankenwirtschaft haben ihren Zenith bereits weit überschritten und treten spätestens seit dem vorigen Jahr in den historischen Hintergrund. Je mehr Anstrengungen unternommen werden diese bereits schwerkranken und von zunehmenden Infarkten geplagten Gesellschaftsmerkmale wiederzubeleben um so mehr geraten wir ins Hintertreffen mit unserer eigenen Entwicklung. Die vielfach vertretenen Thesen, die Innovation in der Umwelttechnik sowie ein „defizit spending“ in der heutigen Wissensgesellschaft wären ein Rettungsanker für unsere europäische Gesellschaft sind wahrscheinlich rückwärtsgewandt und gestalten unsere Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zu einem Schrecken ohne Ende mit einem hohen Grad an Perspektivlosigkeit unserer Jugend zu Folge. Wenn sich Investitionen in die Zukunft lohnen sollen ist eine grundsätzliche Restaurierung unserer Gesellschaft nötig. Sie muss begleitet sein von völlig neuen Ansätzen in unserer Flächenbewirtschaftung und müsste vorrangig die Revitalisierung unserer Landschaften beinhalten.
Die entscheidende Frage, die ich mir stelle ist die Entkopplung von den selbst-organisatorischen Kräften und dem momentan verfallenden Geldwert. Die conditio sine qua non, das Geld, für gesellschaftliche Innovation und Erneuerung im herkömmlichen Sinn wird kaum zur Verfügung stehen noch ist es im benötigten Maß in einer heutigen Gesellschaft schöpfbar. Den Ausweg stellte einzig der zur Zeit noch immer stark unterbewertete Bodenwert und seine am Realwert neu zu bemessende Besteuerbarkeit dar, anstelle einer weiteren Besteuerung der Arbeit. Die Gewissheit, dass ein „business as usual „ kaum weiter machbar ist, sowie die Unverzichtbarkeit auf einen Sozialstaat ohne die Möglichkeit diesen nur mit ewigem Wachstum zu betreibende ökosoziale Marktwirtschaft fortzuschreiben, lassen wahrscheinlich nur mehr einen Lösungskorridor zu, nämlich umzusteuern und den aktuellen Bodenwert über eine einzige Ressourcensteuer progressiv zu besteuern. Zwei Säulen würden als soziale Sicherungskomponenten dienen. Ein entsprechender Bodenwertfreibetrag am unteren Ende der Bodenwertbesteuerung und eine allgemeine lebenslangen Grundrente mit einer steuerfinanzierten Basiskrankenversicherung in demokratisch zu bestimmender Höhe. Damit könnte eine völlige Deregulierung des Arbeitsmarktes erzielt werden. Der Entfall von staatlichen Rentenversicherungen und teuren Krankenversicherungen könnte die Gesellschaft entlasten. Solche Rahmenbedingungen könnten Märkte neu regeln und eine „tabula rasa „ als gedankliche Basis für neue Zielvorstellungen darstellen. Eine neue Lebensqualität, neue Vergesellschaftungsformen und neue gesellschaftliche Institutionen könnten für eine mehr kreisgeschlossene zellular organisierte Gesellschaft in Zukunft mit mehr basisdemokratischen Elementen darstellen ohne redundante Wahlen Parteien auf fünf bis sechs verschiedenen Ebenen.
Es ist zu hoffen oder zu befürchten, dass die Ängste in der Gesellschaft diesen heute sicherlich noch unerwünschten Restaurationsversuch der Gesellschaft bei Fortführung unserer noch immer polarisierenden, parteipolitischen Wunschvorstellungen eher beschleunigen als verhindern. Die Wissenschaft von der Entstehung von Neuem (emergence) in komplexen Systemen beginnt neue nichtlineare Prozesse an Phasengrenzflächen besser zu verstehen, die sich aus einfachen aber dynamischen Regeln ergeben. Das zunehmend bessere Verständnis der Selbstorganisation und die zunehmende Unzulänglichkeit des Bestehenden scheinen die Triebfedern für eine evolutionäre Selbstorganisation der neuen menschlichen Gesellschaft zu sein.
Ich freue mich schon wieder auf Deine Antwort und wünsche Dir und Deiner Familie nachträglich zum Jahreswechsel noch Gesundheit, Erfolg und Zufriedenheit.

Dein Willy

Sonntag, 22. November 2009

Mit oder gegen die Selbstorganisation - Der Auftakt zur Zukunft

Lieber Willy,

leider ist wieder viel Zeit ins Land gegangen, seit Du mir Deine letzte Zukunftspost geschickt hast. Für meine späte Antwort gibt es viele Gründe, aber einen ganz wichtigen: Ich glaube, wir treten in eine neue Qualität in unserem Diskurs.
Um in unserem Gleichnis des Ping-Pong zu bleiben, das wir ja für unseren gemeinsamen Weg der Gestaltung der Zukunftspost immer wieder strapazieren: Deinen letzten Ball konnte ich nicht mehr retournieren, Du hast den Punkt gemacht! Ich glaube wir haben vorerst einmal alles gesagt, was die naturwissenschaftliche Grundlage für unser weiteres Vorhaben darstellt.Wir wollen ja Lösungsansätze für einen guten Weg in die Zukunft bieten. Sollte es wirklich wichtig sein, hindert uns niemand daran, wieder naturwissenschaftlich weiter zu argumentieren. Jetzt wollen wir uns aber den Folgerungen zuwenden, die sich aus unserer Sicht der Realität im Allgemeinen und der Selbstorganisation im Besonderen für die konkrete gesellschaftliche Entwicklung ergeben.
Ich werde also einen Aufschlag machen. Wie jeder Aufschlag will auch dieser gut überlegt und gut gesetzt werden. Das ist mit ein Grund für die lange Zeit meines Schweigens, aber ich glaube, jetzt habe ich den Punkt auf Deiner Hälfte des Tisches ausgemacht, den ich treffen will um wieder zu einem guten Spiel zu finden. Vorerst aber muss ich mich in Position stellen, muss ganz genau meinen eigenen Standpunkt finden, damit ich den Aufschlag richtig setzen kann. Daher muss ich Dich noch ein wenig mit meiner Sicht über die Zukunft und auch meiner Meinung über den Zweck dieses nächsten "Spieles" aufhalten.
Zuerst muss ich natürlich zugeben, dass niemand weiß, wie die Zukunft tatsächlich aussehen wird. Auch ich nicht, und ich glaube, selbst Du nicht. Es gibt einfach keine Möglichkeit der Vorhersage. Trotzdem tun es die Menschen seit Anbeginn der Zeit, auch wenn sie seither immer entäuscht wurden. Selbst heute sehen wir gebannt den Wetterbericht im Fernsehen, wohl wissen, dass das Wetter so, so ähnlich oder ganz anders sein kann. Es muss also etwas zutiefst menschlich Notwendiges in der Zukunftssicht liegen und es kann nicht der Wahrheitsgehalt der Vorhersage sein, denn sonst müssten wir uns das schon lange evolutionär abgewöhnt haben.
Das wesentliche am Blick in die Zukunft erscheint mir die Möglichkeit der Orientierung der eigenen Handlungen. Wir bereiten uns ständig auf die Zukunft vor. Wir wollen das Beste aus unserer Zukunft und auch der Zukunft der Menschen in unserem Lebenskreis, unseren Familien und Freunden, unseren Städten und Ländern, ja der ganzen Welt, machen. Es ist schon ganz interessant, dass dieses "In-die-Zukunft-Blicken" sehr parallel zu unserem ethischen Grundgerüst läuft: Auch unsere Ethik verwenden wir, um unsere Handlungen zu orientieren. Übrigens hält diese Analogie auch im Bewertungsbereich: Wir nehmen unsere Erwartungshaltung von der Zukunft als Meßschnur für die Bewertung des Erfolges unserer Handlungen. Ebenso nehmen wir unser ethisches Gerüst dazu, unsere Handlungen ex-post zu bewerten.
Warum ist mir dieser Exkurs wichtig? Einerseits möchte ich damit zeigen, dass der Blick in die Zukunft für uns Menschen wichtig, ja lebensnotwendig ist. Er macht uns zu Menschen, er erlaubt uns die Planung und Bewertung unserer Handlungen.
Andererseits möchte ich auch darauf hinweisen, wie eng unser Wertesystem und unsere Zukunftssicht miteinander verwandt und verwoben sind. Zukunft ist offenbar jener Ort, an dem sich unsere vorausschauende Ratio und unser Ethos treffen.
Zukunftsicht hat offensichtlich zwei Seiten: Eine ethische und eine rationale. Eine die das Feld des Wünschenswerten beschrebt und eine, die das Mögliche, das Wahrscheinliche beschreibt. Auch wir werden uns n der zukunftspost dieser Dichotomie nicht entziehen können, wenn gleich wir stark auf der rationalen Seite spielen werden.
Nun zu einer zweiten Koordinate meines Standpunktes. Wenn wir einmal metaphysische Methoden zur Zukunftssicht außer Acht lassen (also all die netten Damen mit Kristallkugeln, die unterschiedlichen Orakel von Delphi und Olympia, die Leberbeschau und die Deutung des Vogelfluges u.v.a.m., ganz schön umfassend, was die Menschen zur Befriedigung ihres Zukunftsdranges alles verwenden!), dann steht uns zur Bestimmung der Zukunft nur das Wissen der Gegenwart zur Verfügung. Schon sind wir in einem netten und unentrinnbaren Paradoxon: Wir wissen nur sicher, dass die Zukunft anders sein wird, als die Gegenwart. Trotzdem müssen wir das zur Hand nehmen, was wir über die Gegenwart wissen. Eigentlich ein klassischer Fall von unzureichendem Werkzeug, so als wollte man mit einem Schraubenzieher einen Nagel aus der Wand bekommen.
Hier stehen wir vor einer Falle, genauer gesagt, vor einer Wissenschaftsfalle. Viele wissenschaftliche Theorien beschreiben Abläufe: Die Bahn der Planeten, den Fortschritt einer chemischen Reaktion, etc. Daraus wird (vollkommen fälschlich) abgeleitet, dass die Wissenschaft, insbesondere die Naturwissenschaft, eine Sonderstellung bei der Zukunftssicht einnimmt. Sie wird immer als ein besonders zuverlässiges Orakel angesehen. Nun wenn Wissenschaft im Allgemeinen so gut in die Zukunft sehen könnte, dürfte es die gerade laufende Wirtschaftskrise nicht geben. Und wenn Naturwissenschaft im Besonderen dazu in der Lage wäre, dürfte es keine menschgemachten Katastrophen wie Chernobyl oder den vertrockneten Aralsee. Darüber hinaus würde der Wetterbericht immer stimmen. Genug Beweise für das Gegenteil! Aber wie wir bereits diskutiert haben: Wissenschaft hat nichts mit Wahrheit, aber alles mit einer sehr effizienten Methode zur Auseinandersetzung mit der Realität zu tun. Es wäre eine fatale Fehleinschätzung der Wissenschaft, sie sozusagen zu einem "Über-Orakel" zu degradieren!
Ebenso kann man auch einer zweiten, weit verbreiteten Falle gleich am Beginn ausweichen: Der "Zukunftsforscher" Falle. Da liegt die Pikanterie ja schon im Namen: Wie will man etwas "beforschen" (sich also mit der Realität auseinandersetzen), das es per definitionem nicht gibt? Also beforschen unsere wackeren Zukunftsforscher unverdrossen die Gegenwart und auch die vergangenheit, stellen Trends (und wenn sie gar nicht mehr weiter wissen, sogar "Megatrends") auf, und schließen vom Heute aufs Morgen. Das widerspricht der einzigen wirklichen Erfahrung, die wir über den steten Übergang vom Jetzt in die Zukunft gemacht haben: Die Zukunft ist anders, sie ist überraschend und sie ist der Quell von "Neuem", "Noch-nie-Dagewesenem". Also auch diese verlockende Basis der Zukunftssicht ist unhaltbar (wenngleich sie amüsante Bücher abgibt, die auch durchaus lesenswert, wenn schon nicht "glaubens-wert" sind.
Wo also stelle ich mich hin? Von wo aus werde ich den Aufschlag in die Zukunft wagen? Nun, der einfachste Ausweg ist, die Zukunft nicht "vorher zu sagen". Das erspart auch gleich jegliche Schererei mit nicht eingetroffenen Prophezeiungen. Ich werde daher nur Prinzipien der Entwicklung, die wir aus den früheren Diskursbeiträgen ableiten können, verwenden. Und ich werde ihre logische Verknüpfungen, ihre Wechselwirkungen aufzeigen. Also keine Vorhersage, wie die Zukunft aussieht, sondern eine Anleitung, wie man Zukunft "macht".
Ich weiß schon, dass ich damit den Mund ziemlich voll nehme. Aber ich glaube wir müssen zuerst einige überkommene und versteinerte Betrachtungsweisen einreißen, um sinnvoll an den Bau des Gebäudes der Zukunft gehen zu können. Und wir müssen einiges riskieren in diesem Bauvorhaben. Aber wie heißt es so schön in der dritten und sehr wenig gesungenen Strophe der Österreichischen Bundeshymne: "Mutig in die Neuen Zeiten, frei und gläubig sie uns schreiten...". Ich habe nun einmal ein Faible für dritte Strophen, sie werden zwar kaum gesungen, haben aber oft viel Weisheit in sich.
Damit komme ich zur letzten Standortangabe, die ich vor meinem Aufschlag machen muss. Aus meiner Sicht stehen wir vor einem sehr scharfen Bruch bei unseren nächsten Schritten vom Heute ins Morgen. Diese Erkenntnis basiert auf einer Analyse der Gegenwart. Wir sehen starke ökologische Herausforderungen: Die großen Kreisläufe der Natur sind im Wanken, wir haben ein Artensterben sonder gleichen, wir stoßen an die ökologischen Belastungsgrenzen fast aller Ökosysteme, in denen Menschen wohnen. Wir stehen vor einer tiefgreifenden Veränderung der Ressourcenbasis unserer Gesellschaft, da Erdöl und Erdgas in absehbarer Zukunft in immer geringeren Mengen zur Verfügung stehen. Wir mitten in einer Wirtschaftskrise, die keiner kommen sah und von der niemand weiß, wie die Wirtschaft "nachher" aussehen wird. Wir stehen vor ganz massiven Umwälzungen im politischen Bereich, mit einem Europa, das nach außen und innen wächst, mit den USA, die als Weltmacht langsam verblassen und mit ganz neuen Spielern wie China und Indien, aber auch dem politischen Islam auf der Weltbühne. Ich erwarte nicht mehr und nicht weniger als eine "Zeitenwende", eine jener außergewöhnlichen Zeiten, in denen sich die Logik der Entwicklung auf allen Gebieten verändert. Gerade in solchen Zeiten ist es sowohl dumm als auch sträflich, aus dem Hier und Heute das Morgen ableiten zu wollen!
So, ich stehe fest, und jetzt mein Aufschlag: Zukunftsicht wird immer durch des Menschen Bild von der Entwicklung, von den sie formenden Kräften, geprägt. Erkennt man diese, so kann man zwar nicht die Zukunft vorhersagen, aber wohl die Beweggründe und Motivationen der Handlungen, die von Menschen gesetzt werden. Weiter geschlossen, man weiß zwar nicht, WAS die Menschen bauen, aber man weiß WARUM sie es bauen wollen.
Das ist sozusagen einmal der "Drall", den ich meinem Ball mitgebe. Nun kommt die Richtung: Das Entwicklungsparadigma dieser Zeitenwende ist die Selbstorganisation, also genau jenes Gedankengebäude, dass wir in unserer zukunftspost aus wissenschaftlicher Sicht aufgebaut haben. Vorbei ist die Zeit des mechanistischen Bildes von der Entwicklung als Ablauf einer kosmischen Maschine. Vorbei die damit verbundenen Logiken, die des Wachstums ebenso wie die der Unabhängigkeit der Systeme bis hin zur radikalen, ungebundenen Individualität der Menschen, ihrer Loslösung von der Natur und vom Los der anderen Menschen.
Da fliegt er nun, mein Ball. Jetzt warte ich auf Dein "Return" mit großer Vorfreude. Bauen wir eine Handlungsanleitung für Zukunft auf der Basis der Selbstorganisation auf! Was wäre das für ein Spiel!

Mit vielen Grüßen an Dich und die Deinen

Dein Michael

Freitag, 25. September 2009

Wasser an Grenzflächen – die Geburt von Ordnung und stetiger Erneuerung

Lieber Michael, Dienstag 16.09.2001



Recht herzlichen Dank für Deine Zukunftspost vom 9. August 2009. Ich war ganz überrascht, dass es Dir wieder einmal gelungen ist einen so stark geschnittenen Ball so elegant zurückzuspielen. Du hast es nicht nur geschafft den Ball zu retten sondern hast ihn zentral platziert und damit meinen ganzen Ehrgeiz herausgefordert den Prozess weiter voranzutreiben.
Wollen wir uns deshalb weiter der Ergründung der Sternstunden der Evolution zuwenden. Wir sind uns glaube ich einig, dass die Partitionierung der Energie in die verschiedenen dissipativen, (wassergebundenen) Prozesse wie Verdunstung, chemische Reaktivität bzw. Ladungstrennung und Wasserspaltung in entsprechend kleinen Räumen durch Rückkopplung zu harmonischen Schwingungsmustern von variierender Intensität führt. Als Beispiel sei ein Trillerpfeifchen angeführt das entsprechend seiner Größe und seiner Raumform Töne verschiedener Frequenz und bezüglich seines Luftdurchflusses Töne verschiedener Intensität erzeugt. Durch eine Verdopplung der Pfeifchen kann die Intensität des Tones weiter gesteigert werden bzw. der Luftdurchfluss gesteigert werden.
Die chemischen Potentiale bzw. die Reaktivität an den Phasengrenzflächen von Wasser zum Feststoff oder zu größeren Molekülen bzw. Organismen sind bei gegebener Temperatur dementsprechend immer höher als im Wasser.
Reaktionsprodukte (Radikale, Präkursoren) die an solchen Grenzflächen entstehen werden unmittelbar nach Ihrer Bildung unter den herrschenden dynamischen Gegebenheiten (Temperatur) dorthin bewegt wo die geringsten Potentiale auftreten und damit ein minimaler Energiefluss vorherrscht oder wo durch Weiterreaktion (Polymerisation, Kondensation) der Radikale die Potentiale weiter abgesenkt, eine Stabilisierung der gebildeten Moleküle erfolgt und die Kohärenz (Abhängigkeit durch Einbettung) gesteigert wird. Der Reaktionsprozess wird bei stetiger Erneuerung der Potentiale solange weitergeführt bis die Bildung und der Zerfall im Reaktionsraum ein dynamisches Gleichgewicht bilden. Wenn mehrere Reaktionen stattfinden wird das stabilste Reaktionsprodukt das die Potentiale am besten absenkt auch das nachhaltigste darstellen und solange bestehen bis sich neue Potentiale und neue Strukturbedingungen aufbauen. Diese Reaktionen führen ferner zu einer Erhöhung der Wärmekapazität. Verzweigungsprozesse (Bifurkationsprozesse) werden dann eingeleitet wenn durch Instabilitäten im dynamischen Prozess die Varianzen ansteigen, sich dadurch perfektionierte Kreisläufe öffnen, der Wirkungsgrad abnimmt und Restpotentiale auftreten.
Wollen wir uns in einem System nun den Bifurkationspunkten (im Sinne Prigogines) zuwenden. Allgemein lässt sich feststellen, dass Bifurkationen (Verzweigungen) nur in energiedissipativen dynamischen Systemen vorkommen und zwar immer dann wenn im lokalen dynamischen Prozess durch Erschöpfung oder Veränderung von kapazitiven Größen eine Limitierung auftritt.
Am Beispiel eines sich verzweigenden Baches lässt sich der Verzweigungsprozess leicht nachvollziehen. Der Bach bremst sich an seiner Sohle bei gleichzeitiger Materialverlagerung und chemischer Erosion ab, die Breiten – Tiefenvarianz nimmt zu. Dabei wird durch die Verzögerung Material sortiert. Wenn sich bei zunehmender Strömung in den flachsten Zonen an den Stellen wo das Sohlmaterial wieder am leichtesten erodiert werden kann ein neues Bett bildet, haben wir parallel 2 Flussbetten eines in zunehmender, eines in abnehmender Phase. Rückgekoppelt an die jeweilige Geschwindigkeit des Wassers und der Möglichkeit des sich Abbremsens an der Sohle durch den energiedissipativen Prozess wird sich das Bachbett laufend verändern. Damit werden Bach- und Flusstäler ständig verändert samt Augebiete fruchtbar erhalten.
Die allgemeine Gesetzmäßigkeit für die Dynamik der Bifurkation ist also nur von den Materialeigenschaften und -verteilungen der Sohle und der dabei auftretenden Energiedissipation an den Phasengrenzflächen (Wasser-Feststoff) abhängig. Beschleunigungszonen erodieren dabei immer (mechanisch und chemisch), während in den Verzögerungszonen das Material wieder (mechanisch und chemisch) zeitversetzt deponiert wird. Der Zonenwechsel wird dabei immer durch eine zunehmende Varianz der Dynamik angezeigt. Rückgekoppelt an der Dynamik des Wasserflusses wird dabei die Differenz zwischen mittlerer Wassergeschwindigkeit und mittlerer Geschwindigkeit des Materialtransports maximiert.
Auch hier zeigt sich, dass die Varianzen in der Topographie und des Wasserhaltevermögens der Pflanzendecke sowie die Dissipation der Energie durch Verdunstung (Dämpfung der Temperaturschwankungen) die bestimmenden Parameter für die Nachhaltigkeit (den Wirkungsgrad) einer Landschaft, für die Dynamik der Bäche sowie für die Temperatur und ihrer Verteilung darstellt.
Es scheint also, dass die Bifurkationspunkte rückgekoppelt an der raumzeitlichen Dynamik der betrachteten Systemebene auftreten. Die intelligente, gleichmäßige und kleinräumige Verteilung der energiedissipativen strukturellen Dämpfungsglieder (kleinräumige und kurzgeschlossene Kreislaufführung) scheint mir deshalb für die Stabilität der Teilsysteme von höchstem Stellenwert und vorrangiges Bewirtschaftungsziel zu sein wenn Nachhaltigkeit die Zielgröße darstellt.
In der Realität ist die Internalisierung weitgehend kreisgeschlossener Prozesse in einer Zelle (mit maximaler Kohärenz, minimierter Beliebigkeit und minimierter Offenheit) der natürliche Ansatz unter dynamischen Bedingungen die dissipativen vielfach lebenden Strukturen an den Potentialen von Grenzflächen zu maximieren und damit allmählich eine ausgeglichene Bilanz von Energieeinstrahlung und Dissipation der Energie (Festlegung in geordneten Strukturen bei maximierter Strukturdynamik und minimierter Temperatur) zu erhalten. Übersetzt in Nachhaltigkeitsstrategie sind dies die Minimierung von Entropie und Maximierung des thermodynamischen Wirkungsgrades. Eine sich dynamisch optimierende Schöpfung mit zunehmender Intelligenz (phasengerechtes Verhalten) der dissipativen Strukturen (z.B.Organismen) und ihrer Verteilung auf unserem Planeten ließe die (kaum beantwortbare weil nicht observierbare) Frage nach der Energetik des gesamten Universums zweitrangig erscheinen.
Mir ist es daher sehr wichtig die neuen Dissipationsebenen von ökonomischen und sozialen Potentialen den energetischen Potentialen nachzuordnen, da diese für unsere Gesellschaften und deren Stabilität von eminenter Bedeutung sind. Wenn die Freiheitsgrade der Gesellschaften jedoch unter friedlichen Bedingungen zu erhalten sind, würde dieses nur möglich werden wenn das Kriterium der Richtungssicherheit im Handeln allmählich allgemein anerkannt wird. Die Dissipation sämtlicher Potentiale in der physischen Welt müsste sich deshalb auch weitestgehend an den Gesetzmäßigkeiten der energetischen Dissipation orientieren. Die Kreislaufschließung sowie die Verteilung der Kreisläufe durch Bewirtschaftung dürfen also nicht ihre Stabilität einbüßen und dem allgemeinen Beliebigkeitswahn und Wunschdenken überalterter Gesellschaften und ihren ökonomischen und soziologischen Paradigmen zum Opfer fallen. Eine Anerkennung der strukturierenden Rückkopplung limitierter Systeme als Basis friedlicher Gesellschaftsverträge sowie die Erhaltung der Dämpfungseigenschaften durch natürliche Rückkopplung müssten meines Erachtens in die Verfassung moderner Staaten gleichrangig wie die Menschenrechte aufgenommen und durch Schulung in den Lebensalltag übernommen werden.
Du schreibst „Strukturen und ihre möglichen „Dissipationsebenen“ sind also wechselseitige Spiegel!“
Hier kommen nun die „Sternstunden der Evolution“ ins Spiel. Immer dann, wenn neue Kombinationen diese Austauschebenen entstehen, die Wechselwirkungen auf diesen „neuen“ Dissipationsebenen sich verfestigen, immer dann gibt es einen Evolutionssprung, neue Systeme entstehen und damit neue Austauschebenen und neue Dissipationspotentiale.“
Ich glaube dass hier die Betonung auf den Kriterien für die Verfestigung liegen, wenn diese Verfestigung nämlich zur weiteren Öffnung von Kreisläufen und damit zu einer Degradierung des Wirkungsgrades führt, verschlechtert sich die Ressourcenökonomie und wir ernten taube Evolutionsfrüchte. Eine Verfestigung von Nachhaltigkeit steigernder Schließung von Kreisläufen in kleinräumiger intelligenter Verteilung führt jedoch erst zu positiven stabilen Evolutionsresultaten, nachhaltigen Strukturen und der Möglichkeit richtungssicher zu handeln.
Dies hieße allerdings, dass die zellularen beobachtbaren Teilsystemgrößen und ihre raumzeitliche Kopplung bzw. Verteilung das energetische Wirkungsgradkriterium erfüllen müssten, während ökonomische und soziologische Kriterien und Potentiale sich den physikalischen Potentialen nachordnen müssten. Gleichzeitig müsste die Systemreparatur und Steuerung auf nationaler oder regionaler Ebene, zellulär gegliedert und nicht im nicht systemrelevanten, nicht beobachtbaren, globalen Kontext erfolgen. Die relevanten Prozesse müssten zuerst identifiziert und in Rückkopplung an das physische System lokal durch die Einbringung systemrelevanter Dämpfungsglieder wie den dissipativen Wasserprozessen gesteuert werden.
Vielleicht konnte ich diesmal mit einem etwas weniger geschnittenen Ball zum Match beitragen.
Mit besten Grüssen Dir und den Deinen. Auf Deinen nächsten Ping freut sich Dein

Willy

Sonntag, 9. August 2009

Disspation und Evolution - das untrennbare Paar

Lieber Willy,

Vielen Dank für Deine Zukunftspost vom 27.4.09 und bitte um Verzeihung, dass ich erst jetzt mein "Ping" auf dieses "Pong" sende. Der Grund dafür liegt einerseits in den sehr schwierigen persönlichen Verhältnissen, in denen ich mich befunden habe und die wir ja anlässlich Deines Besuchs diskutiert haben. Jetzt wird es etwas freier und ich finde die Muße, Dir zu antworten. Darüber hinaus bin ich derzeit in einem faden Hotel in einer ebenso faden Stadt in den USA; doppelter Grund, sich mit etwas Anregendem zu beschäftigen!
Meine persönlichen Umstände sind aber nur ein Faktor für die späte Antwort. Mindestens ebenso dafür verantwortlich ist die Tatsache, dass Du mir, um in unserer Tischtennissprache zu bleiben, einen ziemlich scharf angeschnittenen Ball serviert hast. Aber das macht ja gerade den Reiz unseres Spieles aus: Wir haben ja von Anfang an beschlossen, dass wir kein braves wissenschaftliches „Pensionistenspiel“ abführen wollen, wo wir stets bemüht wären möglichst nicht an unsere Grenzen zu gehen. Wir wollen Risiko nehmen, und Dein letzter Ball ist nun weiß Gott kein braves Hin- und Zurückgeschupse mit Rücksicht auf die gängigen Lehrmeinungen. Gut so, so soll’s auch weitergehen!
Wie bei vielen schwierigen Bällen beim Ping-Pong muss man einige Schritte zurückspringen, um ihn annehmen zu können und vielleicht noch erfolgreich auf den Tisch zu bringen. Das ist ein weiterer Grund für meine verzögerte Antwort. Was soll man auch auf eine rundherum schlüssige und tiefgreifende Erklärung der Selbstorganisation antworten, ohne in Allgemeinplätze Ausflucht zu nehmen?
Hier nun mein Versuch, wobei ich mich an zwei der von Dir ins Spiel gebrachten Argumente versuchen möchte: Der Entwicklung durch Dissipation und der Vielfalt als Grundlage der Evolution.
Du schreibst sehr treffend und anschaulich über den Vorgang der Dissipation und der überragenden Rolle, die Wasser in unserem Lebenssystem, als das Hauptmedium dieser Dissipation von Energiepulsen spielt. Dieses Argument möchte ich aufgreifen und ein bisschen weiterführen.
Der große und wunderschöne „Trick“ der Natur ist ihre Fähigkeit, aus Energiepulsen Strukturen aufzubauen. Du hast das ja sehr schön und anschaulich beschrieben. Was ich aber aus Deiner Beschreibung besonders hervorheben will ist die Tatsache, dass diese Dissipation eben in einem viel breiteren Spektrum von Wechselwirkungen vor sich geht, als der ursprüngliche Puls. Unsere Natur ist voll von guten Beispielen dafür, angefangen von der mechanischen Bewegung der Luft, angetrieben von der durch die Sonne empfangenen Wärmestrahlung über die von Dir angesprochene Mobilisierung des Wassers durch Verdunstung, das darauf folgende Abregnen und die damit ausgelöste mechanische Bewegung des Wassers vom Berg ins Tal und weiter ins Meer, wo dieser Kreisprozess aufs Neue beginnen kann. Unser Lebensprozess ist selbst ein Beispiel dafür, wo durch die Einstrahlung der Sonne chemische und biochemische Reaktionen organische Substanzen höchster Komplexität aufbauen, die einerseits Strukturen entstehen lassen (alle unsere Lebewesen) und andererseits zwischen den Lebewesen ausgetauscht werden in einem steten Kreislauf des Werdens und Vergehens und wieder Werdens. Das alles ist natürlich sehr einfach dargestellt, Du wirst sicher die tiefere Wissenschaft in einem „Pong“ nachliefern.
Worauf ich hier hinaus will ist aber, dass Dissipation die ursprüngliche Qualität der ausgetauschten Wechselwirkung quasi „hinauftransformieren“ kann und zu Wechselwirkungen in viel höher organisierten Systemen führt.
Ich will das ein wenig ausführen. Wir wissen, dass Energie selbst eine strukturierte Wechselwirkung ist. Die Strahlung, die wir von unserem Mutterstern erhalten, ist strukturiert, ganz egal ob wir jetzt in Wellen (also raum-zeitlich strukturierten Feldern) oder in gequantelten Teilchen denken. Der Austausch der Energie zwischen uns und der Sonne wird angetrieben durch den Potentialunterschied in Bezug auf Wärmestrahlung, also der unterschiedlichen Temperatur zwischen Erde und Sonne.
Wir wissen ebenfalls, dass Materie nichts anderes als sehr hoch strukturierte Energie ist (sonst würde ja unser allseits beliebter Herr Einstein im Grabe rotieren). Was Dissipation nun vollbringt ist dass durch einen Puls einer Austauschgröße (etwa der vergleichsweise sehr wenig strukturierten Sonnenstrahlung) Vorgänge in einem System mit viel höherem Ordnungsgrad (etwa der Luft oder dem Wasserkreislauf, die ja bekanntlich eindeutig der Materie zugeordnet werden müssen) ausgelöst werden.
Bis hierher wird jeder sagen: „Klar, was soll dieses Wiederholen von einfachen Erkenntnissen, was für ein Allgemeinplatz!“. Das Interessante dabei ist aber, dass diese Vorgänge plötzlich ganz anderen Potentialsystemen gehorchen. Das Wasser, das den Berg herunter braust, kümmert sich keinen Deut um Temperaturunterschiede! Es folgt dem Potentialunterschied zwischen oben und unten, den eine räumlich gegliederte Oberfläche bietet. Der Tiger, der einen Büffel reißt kümmert sich auch nicht um den Temperaturunterschied zwischen ihm und seiner Beute! Für diese Vorgänge sind ganz andere Potentiale zuständig, Potentiale zwischen viel höher organisierten Systemen im Vergleich zu jenem, dessen Puls das Ganze ausgelöst hat.
Ich gehe noch einen Schritt weiter. Woher kommen denn diese ganzen Potentiale in den Systemen höherer Ordnung? Gäbe es die Täler ohne den steten Zahn des Wassers, das durch den Sonnenpuls immer wieder verdampft und abregnet? Gäbe es den Büffel oder den Tiger ohne die Dissipation der Sonnenstrahlung durch lebende Systeme, die die Nahrungskette für den Büffel darstellen? Die interessante Antwort ist wohl, dass Dissipation nicht nur der Motor von Vorgängen in immer höher strukturierten Systemen ist, sondern dass sich durch Dissipation immer weiter und höher strukturierte Systeme bilden. Der geheime „Trick“ der Selbstorganisation ist, dass sie nicht nur ein viel größeres Spektrum an Potentialen zur Dissipation nutzt, als sie im grundlegenden Puls vorfindet, sondern dass sie sich weitere Potentiale selbst bildet, in dem sie immer höher organisierte Strukturen entwickelt, die wieder viel höher strukturierte Austauschgrößen mobilisieren. Man könnte daher einen „dissipativen Grundlehrsatz der Selbstorganisation formulieren“: Ein selbstorganisierendes System ist umso effizienter, je größer die Bandbreite seiner verfügbaren Potentiale ist und es ist umso erfolgreicher, je schneller es neue, höher organisierte Systeme generiert und damit die Bandbreite seiner dissipativen Potentiale erweitert.
Nach diesem ein bisschen nach „ex-catedra“ riechendem Lehrsatzaufgestelle nun zum zweiten Punkt meiner Antwort: Vielfalt als Grundlage der Evolution. Es folgt eigentlich recht logisch aus dem vorher gesagten. Vielfalt an Strukturen bedeutet auch Vielfalt an möglichen Austauschgrößen. Strukturen sind ja immer der Spiegel ihrer möglichen Interaktionen mit ihrer Mitwelt, wobei diese Austauschvorgänge immer alle „gleichen und unteren“ Ebenen umfassen. Jeder Mensch kann sowohl in eine intensive, intellektuell hochstehende Diskussion mit seinesgleichen treten als auch einen Stein über das Wasser eines Sees hüpfen lassen oder mit einer Wärmflasche in Wärmeaustausch treten. Strukturen und ihre möglichen „Dissipationsebenen“ sind also wechselseitige Spiegel!
Hier kommen nun die „Sternstunden der Evolution“ ins Spiel. Immer dann, wenn neue Kombinationen dieser Austauschebenen entstehen, die Wechselwirkungen auf diesen „neuen“ Dissipationsebenen sich verfestigen, immer dann gibt es einen Evolutionssprung, neue Systeme entstehen und damit neue Austauschebenen und Dissipationspotentiale.
Ein Beispiel aus der Menschheitsgeschichte soll dies veranschaulichen: Vor vielen tausenden von Jahren trat der Mensch in eine neue, qualitativ andere Art der Wechselwirkung mit der Natur. Durch Verfestigung der Auseinandersetzung mit den ihn umgebenden Pflanzen (die er bisher gesammelt hatte), durch neue Ideen und Technologien entstanden aus der Selbstreflexion innerhalb der menschlichen Gesellschaft, entstand der Ackerbau. Plötzlich war eine ganz neue „Dissipationsebene“ eingeführt, der Austausch von Gütern über die reinen Familienverbände hinaus. Konsequenterweise entstanden neue Strukturen wie Städte und Reiche, auf deren Ebene und nach deren Regeln diese Dissipation erfolgen konnte. Neue Potentiale (die ökonomischen und sozialen Potentiale) entstanden und formten in der Folge die Welt.
Ich glaube, das wir uns auch in unseren weiteren „Zukunftspost-Dissipationsvorgängen“ der interessanten Frage widmen sollten, wie den diese „Sternstunden der Evolution“ nun zustande kommen. Ich weiß hier noch keine allgemeine Antwort, aber einige Elemente werden schon klar. Einerseits bedarf es offensichtlich der Reflexion, also der Wechselwirkung und deren Verstätigung in einem System. Du hast hier bereits darauf Bezug genommen mit Deinen Ausführungen zu „stehenden Wellen“. Andererseits bedarf es eines ausreichenden und kritisch werdenden Flusses (vielleicht war das im Ackerbau die Anzahl der Menschen an einem bestimmten Ort). Und schließlich bedarf es eines „Auslösers“, sehr ähnlich den Bifurkationspunkten von Prigogin. Wie das aber genau ablauft sollte Teil nseres weiteren „Matches“ sein!

Soviel für heute und viele Grüße an all die Deinen


Michael